24.04.2019

Kreisverband BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Potsdam-Mittelmark unterstützt Demonstration am 26.04. gegen großflächigen Insektizid-Einsatz im Wald

Die jahrzehntelange Monokultur des Waldes in Potsdam-Mittelmark und Brandenburg hat dazu geführt, dass das Waldbrandrisiko weiter steigt und sich Schädlinge leichter ausbreiten.
Statt gesunde Mischwälder zu gestalten, die Insekten, Vögeln und Waldtieren ein gesundes Lebensumfeld im Gleichgewicht bieten, will das Landesforstamt schon in der nächsten Woche im Bereich Borkwalde, Borkheide und Fichtenwalde mit der chemischen Keule anrücken. Vom Hubschrauber aus soll flächig das Gift "Karate Forst flüssig" gegen den Nonnenfalter versprüht werden.
Besonders betroffen sind die Waldbesitzer, die ihren Wald bereits nach ökologischen Gesichtspunkten umgestalten, aber gezwungen werden sollen, trotzdem den Gifteinsatz aus der Luft nicht zu dulden. Die Schäden auf ihren Flächen wären besonders groß. Die Anwohner der betroffenen Waldflächen haben große Sorge, ob ihre Hunde und Katzen danach Auslauf haben dürfen. Ebenso sind Beeren und Pilze von dem Gift betroffen. Nicht zuletzt tötet „Karate Forst" auch andere Insekten und nimmt damit den Vögeln, die gerade ihre Jungen aufziehen, ihre Nahrungsgrundlage.
Dazu sagen wir ganz klar NEIN!
Die gewünschte Wirkung des Giftes stellt sich nur unter Laborbedingungen ein und andere Insekten werden ebenso getötet oder die Wirkung ist unklar. Besonders der direkte Fressfeind des Nonnenfalters, der Ameistenbuntkäfer, wird genauso vernichtet wie der Nonnenfalter selbst.
In jedem Fall aber ist das Gift dann in der Umwelt und versickert mit dem Regen in das Grundwasser.
Die Bündnisgrünen aus Potsdam-Mittelmark stellen sich klar gegen die geplante Aktion und fordern endlich einen ökologischen Umbau des Waldes. Sie beteiligen sich deshalb an der Demonstration am 26.04. in Borkwalde und rufen auch alle Bürger*innen und Bürger des Landkreises zu einer Teilnahme an dieser Demonstration auf.

Die Demonstration startet an diesem Freitag, den 26. April 2019, um 15 Uhr im Tempelwald bei Borkwalde. Sie wird von Menschen aus den betroffenen Gemeinden organisiert. Treffpunkt ist an der Infotafel „Tempelwald“ an der Kreuzung Siebenbrüderweg (nahe Borkwalde)/ Ecke Kaniner Str. (–> google.de, GPS 52.261985, 12.842988), direkt am Spargelwanderweg (dieser führt von Klaistow nach Borkwalde und Borkheide und ist markiert).

Zu den Hintergründen:

Zu den Argumenten der Forstbehörde, der erwartete Nonnenbefall sei nur auf die geplante Weise zu stoppen, bezog der Wissenschaftler und Bodenökologe Dr. Hans-Holger Liste Stellung. Er bezeichnete die Schilderung der Behörden als Angstszenario. Insekten und Pilze seien nicht die Ursache für das Sterben von Bäumen. Sie erledigten letztlich die Naturaufgabe, tote und geschwächte Bäume zu beseitigen. Den starken Nonnenbefall sieht er als Symptom für eine Fehlentwicklung. Als Hauptursache für solche Massenvermehrungen gelten die Kiefern-Monokulturen, dieser Punkt wird sogar von Seiten der Behörden bestätigt. Wer indes gegen die Nonne Chemikalien anwendet, bekämpft daher nur Symptome, nicht die Ursachen, sagt der Experte Dr. Liste. Er warnt davor, „Karate Forst flüssig“ einzusetzen, das auch andere Insekten tötet, den Vögeln die Nahrungsgrundlage nimmt und die Gegenspieler der Nonne gleich mit erledigt. Sein eindringlicher Appell in deutlichen Worten: „Wenn wir dem Insektensterben nichts entgegensetzen, geht das Ökosystem flöten und wir mit ihm. Der Einsatz von Pestiziden beschleunigt das. Wir brauchen ökologisch intakte Wälder, keinen toxikologisch verkackten Wald. Daran sollten wir gemeinsam arbeiten.“
(Quelle: www.maz-online.de/Lokales/Potsdam-Mittelmark/Beelitz/Hitzige-Debatte-ueber-geplanten-Insektizid-Einsatz-in-Waeldern-bei-Beelitz)

Waldbesitzer Karl Tempel, der seit Jahren an einer ökologisch sinnvollen Umforstung des Waldes arbeitet, stellt sich ebenfalls entschieden gegen den Gifteinsatz.
www.maz-online.de/Lokales/Potsdam-Mittelmark/Beelitz/Landesforstbetrieb-will-Waldschaedlinge-aus-der-Luft-bekaempfen-ein-Waldbesitzer-wehrt-sich-dagegen
Er weist auf die streng geschützten Tierarten hin, die von der Vergiftung bedroht sind: Zum Beispiel rote Waldameisen. Auch Tagschmetterlinge, Spinnen, Kleinvögel, Blindschleichen und Waldeidechsen leben in den Wäldern.
Welche Auswirkungen hat das Gift auf diese Lebewesen?
Wie kann es sein, dass die Behörden ohne Zustimmung der Waldbesitzer „Karate Forst flüssig“ einsetzen wollen?
Er fordert Antworten auf dringliche Fragen:
Wie verantworten die Behörden in Brandenburg – in Zeiten massiven Insektensterbens – den Einsatz eines solch hochgiftigen Stoffes in der freien Natur?
Wie wollen die Behörden sicherstellen, dass Bienenvölker nicht von diesem Gift beeinträchtigt werden?
Welchen Sinn macht es, einerseits ein „Insektenschutzprogramm“ aufzustellen und dann in den Brandenburger Wäldern Insektizide zu versprühen?

Dr. Axel Mueller, Mitglied der Kreistagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, hat sich als Ökotoxikologe ebenfalls klar gegen diesen Einsatz positioniert:
www.maz-online.de/Lokales/Potsdam-Mittelmark/Beelitz/Geplanter-Insektizid-Einsatz-in-Waeldern-bei-Beelitz-sorgt-fuer-Wirbel

Das Landesbüro anerkannter Naturschutzverbände schreibt zu diesem Thema:

Holz statt Kinder? Kein Gift in Brandenburgs Wäldern!
Die Forstbehörden in Brandenburg planen einen umfangreichen Insektizid-Einsatz u.a. in den Wäldern rund um die Gemeinden Fichtenwalde, Borkwalde und Borkheide (südwestlich von Potsdam). Vom 29. April bis ca. Mitte Juni 2019 soll großflächig das hochgiftige „Karate Forst flüssig“ auf diversen Forstflächen (ca. 8.000 ha) via Hubschrauber versprüht werden. Das Insektizid soll „Kieferngroßschädlinge“, wie die „Nonne“, bekämpfen. Normalerweise neigt die Nonne nur alle zehn Jahre zur Massenvermehrung. Angeblich wurde 2018/2019 schon wieder ein verstärkter Nonnenbefall festgestellt. Das Insektizid soll dann versprüht werden, wenn die Raupen der Nonne geschlüpft sind und zum Fressen in die Baumkronen wandern. Zwei Tage lang werden die Wälder dann für Menschen gesperrt. 56 Tage nach dem letzten Sprüheinsatz dürfen keine Waldfrüchte, Kräuter und Pilze in den Wäldern gesammelt werden. Falls es in dieser Zeit nicht oder nicht viel regnet, dürfte sich diese Frist noch verlängern. Wie lange genau, das weiß keiner.

„Nach der Besprühung ist für zwei, drei Monate Totenstille im Wald“

Wir sorgen uns um Folgendes und fragen uns:
- Bereits 2014 hat das BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Braunschweig) "Karate Forst flüssig" für den Einsatz im Forst generell verboten. Wieso wird jetzt dieses hochgiftige Totalinsektizid durch die Brandenburger Forstverwaltung wieder eingesetzt?
- Das Insektizid muss über 120 Meter von Gewässern, aber nur 30-40 Meter von Siedlungen, in denen auch Kleinkinder spielen, ferngehalten werden. Wie erklärt sich diese Diskrepanz? Und wie sollen diese Entfernungsvorgaben eingehalten werden?
- Im geplanten Besprühungsareal hat sich u.a. ein – streng geschütztes - Seeadlerpärchen angesiedelt. Welche Auswirkungen dieses Gift auf das Brutpaar hat, kann man sich gut vorstellen. Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es unseres Wissens dazu nicht.
- In einigen Teilen des betroffenen Waldes gibt es – streng geschützte - Rote Waldameisen. Auch leben in diesen Wäldern u.a. Tagschmetterlinge, Spinnen, Kleinvögel, Blindschleichen und Waldeidechsen. Welche Auswirkungen hat das Gift auf diese Lebewesen?
- „Karate Forst flüssig“ soll in der Zeit von Ende April bis Juni versprüht werden, d.h. also in der besten Brutzeit. Wo und wie sollen die in ihrem Bestand generell schon stark bedrohten Vögel ausreichend Nahrung für ihren Nachwuchs finden?
- Durch den Gifteinsatz wird Naturschutzrecht verletzt und einige der betroffenen Waldbesitzer – die Eigentümer der Flächen – lehnen den Einsatz ab. Wie kann es sein, dass sich die Behörden darüber hinweg setzen wollen?
- Wie verantworten die Behörden in Brandenburg – in Zeiten massiven Insektensterbens – den Einsatz eines solch hochgiftigen Stoffes in der freien Natur?
- Wie wollen die Behörden sicherstellen, dass Bienenvölker nicht von diesem Gift beeinträchtigt werden?
- Welchen Sinn macht es, einerseits ein „Insektenschutzprogramm“ aufzustellen und dann in den Brandenburger Wäldern Insektizide zu versprühen?

Weitere Informationen
- Der Wald als Naturpille zum Stressabbau
Gewässerbelastung in Europa mit Pestiziden, Insektiziden und Fungiziden | Aktuelle Studie der Universität von Exeter

Alle Informationen auch auf www.tempelwald.de

URL:http://gruene-potsdam-mittelmark.de/home/singlepressemitteilungen/article/kreisverband_buendnis_90die_gruenen_potsdam_mittelmark_unterstuetzt_demonstration_am_2604_gegen_grossflaechigen_insektizid_einsatz_im_wald/